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(12) Pferde, Erdbeeren und innere Kämpfe

Der Soundtrack meines Lebens wird derzeit stark vom Musikgeschmack meiner Kinder gesteuert. Das Repertoire beinhaltet einen Song, der mir dieser Tage immer wieder durch den Kopf geht: "Vergiss nicht zu atmen" (O'Bros).
Das Leben ist intensiv.
In den vergangenen Wochen passierte für uns als Familie so viel, dass ich mich zeitweise gefragt habe, was geschieht, wenn die Dauer-"Action" nachlässt und ich wieder dazu komme, nachzudenken.
An unserem Umzugstag von Berlin nach Chemnitz schrieb mir eine Kollegin: "Versuche dem Herzen Zeit zu geben... es kommt unbemerkt nach!"
Ich muss nachrechnen, wenn ich herausfinden will, wie lange das jetzt schon her ist. Dreizehn Tage, die sich anfühlen wie zwei, und gleichzeitig wie eine Ewigkeit.
Als wäre ich einer Kapsel entstiegen, die mich von einer Welt in die andere katapultierte - oder in einem Computerspiel in einem neuen Level gelandet, in dem ich gleich wieder voll damit beschäftigt bin, meine "Mission" zu erfüllen.
Es ist aufregend und intensiv. Alle sind super nett zu uns. Die Kinder erschließen sich ihr neues Umfeld und knüpfen erste neue Bande.
Ich muss mich in all dem Neuen darauf besinnen, mir Zeit zu nehmen, zu atmen.
Gar nicht so einfach!
Es gibt so viel zu lernen.

In der vergangenen Woche durfte ich noch ein wenig mehr in die Arbeit von McTurtle hinein schnuppern. Am Donnerstag fuhren wir nach Reichenbach im Voigtland, wo das Programm vor mehr als dreißig, größtenteils rumänischen, Kindern stattfand. Diesmal stand ich auch gleich mit auf der Bühne (das ist sowieso meine Leidenschaft). Im Anschluss lernte ich drei Ponys kennen, die auf dem dortigen Gelände des CVJM wohnen und neugierig ihre Köpfe in unser Auto steckten.
Am nächsten Tag wartete vormittags das Büro auf uns (Matthias bewältigt hier den Löwenanteil der Arbeit). Danach kamen die Erdbeeren.
Das Familiencafé fuhr mit den Gästen auf ein Erdbeerfeld, und unsere Kinder wollten gern mit. Also schloss ich mich der Truppe an - eine gute Gelegenheit, die Menschen kennenzulernen. Abgesehen davon kann es nicht schaden, wenn die eigenen Kinder live erleben, wie Erdbeeren wachsen und geerntet werden. Am Abend kochte Matthias mit den Jungs Erdbeermarmelade, und die Mädchen machten am nächsten Tag Kuchen.
Ich fiel in dieser Zeit in ein Loch.

Kein physikalisches Loch auf dem Feld, sondern das erwartete Tief nach den ereignisreichen Tagen seit dem Umzug.
Ich bin seit ungefähr zwanzig Jahren Christ mit Leib und Seele, ein Sinnsucher und Sinnfinder. Gott zu vertauen ist mein Herzschlag. Deshalb macht es mir auch nichts aus, mich immer wieder auf neue Herausforderungen (wie eben die Versetzungen) einzulassen.
Trotzdem bringen diese Veränderungen auch mich an meine Grenzen.
Das passiert oft in unerwarteter Form. Vielleicht hätte ich Müdigkeit erwartet, oder arges Heimweh (das könnte noch kommen, aber heute ist heute).
Diesmal war es ein vertrautes Muster, das mich trotzdem wieder kalt erwischt hat.
Im 2. Korintherbrief Kapitel 12 beschreibt Paulus, dass er unglaubliche geistliche "Höhenflüge" erlebt hat. Damit er aber nicht überheblich wird, hat Gott ihm einen "Pfahl fürs Fleisch" gegeben, "ein Engel Satans, dass er mich mit Fäusten schlage" (2. Kor. 12,7).
Nicht, dass ich mich mit Paulus vergleichen möchte. Trotzdem kenne ich die Herausforderung auch: tolle Erlebnisse mit Gott, Ereignisse, die Gottes "übernatürliche" Kraft erfahrbar machen, werfen uns Menschen oft auf unsere persönlichen Schwächen zurück.
Ich glaube, das ist wichtig - aber angenehm ist es nicht.
Statt zu genießen, was Gott uns in den sechs Berliner Jahren geschenkt hat und mich zu freuen auf das, was er hier tun wird, war ich mit meinem "Pfahl" beschäftigt.
Ich ärgerte mich über meine Schwäche und haderte mit Gott darüber, dass mich dieses Thema immer wieder beschäftigt und ich keine Ahnung habe, wie ich in diesem Bereich dazu lernen kann.
Zu Paulus hat Gott gesagt:
"Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wird in der Schwachheit vollkommen." (2. Korinther 12,9)
Das nehme ich mir jetzt auch wieder neu zu Herzen.
Schwach zu sein fühlt sich nicht gut an - aber wenn es bedeutet, dass Gott dann erst recht stark in mir ist, dann beschließe ich, mich darüber zu freuen.









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