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(6) McTurtle und die Kleinkinder im Park

Montag!
Ein guter Tag. Da liegt eine blitzblanke, neue Woche vor uns und wartet darauf, mit Erlebnissen gefüllt zu werden.
Diese begann mit einem Termin, der die Baustelle im Haus betraf. Ein Statiker sollte sich die Sache anschauen. Ich habe von sowas zwar absolut keine Ahnung, interessiere mich aber natürlich erstmal für alles, was die Gegebenheiten vor Ort betrifft.
Während eins unserer großen Kinder sich per Flixbus auf den Weg zu Freunden nach Berlin machte stand ich mit einem Ehrenamtlichen aus dem Korps auf dem Hof und erwartete den Bauprofi - der leider den Termin vergessen hatte und nicht erschien. Kurzerhand nutzten wir die überraschend freie Zeit, um ein weiteres Gebäude in Augenschein zu nehmen, das der Heilsarmee in Chemnitz gehört.
Es befindet sich in einem anderen Stadtteil, einem Wohngebiet mit eher schlechtem Ruf. Momentan wird es kaum genutzt.
Ein leeres Gebäude weckt in mir immer tausend Ideen - ich würde nur jemanden benötigen, der Lust hat, sein Geld hinein zu investieren.
Eins unserer Kinder hatte, noch in Berlin, einen interessanten Traum: er sah ein Gebäude der Heilsarmee in Chemnitz, in dem es einen Kleiderladen und ein Süßkramlädchen mit Café gab. Das von uns besichtigte Gebäude wäre dafür geeignet. Es gäbe so tolle Möglichkeiten, hier mit Langzeitarbeitslosen eine therapeutische Arbeit zu starten. Am besten gleich in Kombination mit einer Begrünung des riesigen Flachdaches, das sich als Fläche für urbane Gartennutzung anbieten würde.
Voller schöner (gründlich zu prüfender ;)) Ideen fuhren wir zurück zum Korps.
Hier war gerade noch Zeit, mit den Kindern Mittag zu essen, bevor der nächste Termin anstand: McTurtle am Lessingplatz.
McTurtle ist das mobile Kinderprogramm der Heilsarmee. Ein Team fährt verschiedene Parks und Spielplätze in Sachsen an und veranstaltet dort einstündige Shows für die Kinder. Spiele, Lieder und Theaterstücke sollen den Kindern helfen, in ihrem Selbstwertgefühl gestärkt zu werden und Gottes Liebe kennenzulernen.
Klingt nach einer netten, aber irgendwie nicht so lebensnotwendigen Sache?
Weit gefehlt.
Der Lessingplatz ist ein winziger Park mit einigen Spielgeräten, auf denen ich meine Kinder eher ungern spielen lassen würde. Glasscherben und Hundehäufchen zieren die Wiesen und Spielflächen.
Ich hatte allerdings drei meiner Sprösslinge mitgenommen, die gleich begierig die Rutschen und Klettergerüste in Beschlag nahmen. Wir "Turtles" begannen währenddessen, Kisten und Kästen auf die (Hunde-)Wiese zu schleppen, Planen und Sitzkissen (mit Abstand) auszubreiten und alles für die Show vorzubereiten.
Nach gefühlt zehn Minuten standen die Sprösslinge wieder vor mir. "Uns ist langweilig. Wann geht es los?" Es ging erst knapp drei Stunden später los.
Bis dahin bauten wir auf. Es wurde geprobt. Und dann füllte sich der Park... Mit Männern und Frauen, die sich auf Bänke hockten, um den Rest des Tages Bier trinkend dort zu verbringen. Und mit Kindern jeden Alters, die sich neugierig um uns sammelten. Als die Mitarbeiter einer Gemeinde namens "Blessing" eintrafen, die einen Tisch, Getränke und Spielgeräte mitbrachten, begann der Herzschlag von McTurtle.
Ich saß hinter dem Getränketisch und waltete meines Amtes: Namen auf Becher und in die Corona-Anwesenheitsliste schreiben, Getränke ausschenken und Smalltalk mit Kindern machen.
Kinder, die anglophone Namen in kreativen Schreibweisen tragen und Augen haben, in denen ich traurige Geschichten lese.
Ein Mädchen - ungefähr zehn Jahre alt - erzählte mir, sie würde allein bei ihren Eltern wohnen. Sie habe zwar zwei Schwestern und einen Bruder, aber: "Die wohnen nicht bei uns. Die hat mein Leiblicher gekauft. Meine Schwester hat er zum Beispiel mit einem Pferd gekauft."
Oder Y., ein höchstens dreijähriges Mädchen mit himmelblauen Augen und blonden Engelslöckchen.
"Weißt du, wie du mit Familiennamen heißt?", fragte ich sie, nachdem ich mir mühsam zusammengereimt hatte, was ihr Vorname sein könnte. Sie schaute mich verständnislos an, aber eine Corona-Liste braucht Informationen. "Kannst du deine Mama vielleicht mal zu mir holen?", versuchte ich es weiter. Die blauen Augen wurden noch etwas größer.
"Ich glaube, die sitzt dort drüben, ich geh mal hin", kam mir die McTurtle-Mitarbeiterin zu Hilfe. Eine Frau erschien und schrieb Vor- und Nachname auf. "Ich bin aber nicht die Mutter, ich bin nur eine Freundin", murmelte sie, bevor sie wieder zu ihren Freunden verschwand.
Y. blieb die ganze Zeit. Sie spielte mit Lachen und Jauchzen Ball mit den Mitarbeitern und noch mehr kleinen Jungs, die bestimmt nicht viel älter waren als sie. Sie verfolgte das Bühnenprogramm. Sie spielte noch immer scheinbar unbeaufsichtigt auf dem Platz, als wir unsere Kisten und Kästen wieder ins Auto luden.
Mein Herz ist voll von diesen Kindern und ihren Eltern, die oft wahrscheinlich gar nicht wissen, was ihre Kinder in diesem Park machen. Die Leute vom "Blessing" kennen viele der Familien, laden sie in ihre Räume ein und besuchen sie zuhause. McTurtle kommt zu den Kindern, um mit ihnen zu spielen und ihnen zu erzählen, dass es jemanden gibt, der jedes einzelne von ihnen durch und durch kennt und liebt. Dass Gott sie sieht und sich um sie kümmert, egal wie ihre Lebensumstände sind.
Ich bin sicher, dass durch diese kombinierte Arbeit Kinder und Eltern eine helfende Hand gereicht bekommen, die, wenn sie sie ergreifen, ihr Leben revolutionieren kann.

Ungefähr 25 Kinder verfolgen gespannt das Bühnenprogramm




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